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Was habe ich in einer philosophischen Praxis zu erwarten?
Ein Gespräch mit Dr. Uhu
Lieber Herr Dr. Uhu, was fehlt den Menschen, die eine philosophische Praxis
besuchen?
Dr. Uhu: Nun, das ist ganz unterschiedlich. Den einen fehlt
– ganz klassisch – der Sinn. Sie haben alles, was sie brauchen, um zu leben:
eine Arbeit, eine Wohnung, einen Partner, eine Krankenversicherung und ein
Girokonto. Und doch scheint ihnen das Leben zu wenig zu geben. Sie sind bereits
auf dem Weg, doch der rote Faden ihres Lebens ist ihnen bisher nur spärlich
begegnet. Andere sind auf der Suche nach einer zündenden Idee für ein
geschäftliches Konzept oder gar einen biografischen Neuanfang. Wiederum andere
suchen einfach nur jemanden, der mit ihnen ihr Leben aus verschiedenen
Blickwinkeln erkundet ohne sie gleich mit einer Diagnose zu bedienen.
Das heißt, der Philosoph steckt mich nicht in eine
Schublade?
Dr. Uhu: Ja, so könnte man das sehen. Genau genommen weiß
der Philosoph, dass es für die Fragen seiner Praxis nur selten eine passende
Schublade gibt. Sehen Sie sich um! In meiner Praxis gibt es keine Schubladen! Keine
Schränke, in denen man etwas verstecken könnte! Über das Leben zu
philosophieren ist ein bisschen wie mit einem Boot hinauszufahren ohne genau zu
wissen, wohin die Reise führt.
Und was bringt mir das, wenn ich nicht weiß, wohin die
Reise führt? Ist es dann nicht gleich besser sich die Zeit in der Gegenwart zu
vertreiben?
Dr. Uhu: Nun, den meisten Philosophen genügt es schon
begeistert unterwegs zu sein. Und wer das ein halbes Leben lang schafft, ist dem Sinn, denke ich, schon sehr nahe. Es geht ja nicht allein darum, die Sinnfrage
zu beantworten.
Sondern?
Dr. Uhu: Sie ins Leben einzuladen.
Aha, verstehe.
Dr. Uhu: Ein bewussteres Leben macht einen freier.
Und doch kann es ganz schön anstrengend sein.
Dr. Uhu: Stimmt. Wir leben in einer Zeit, die sich von
starren Normen und Werten herausgerudert hat. Gleichzeitig sind damit aber auch
die großen, »zeitlosen« Sicherheitsbanden der Moral weggefallen. Alles wird
mehr und vieles wird dadurch widersprüchlich.
Und was können wir da tun?
Dr. Uhu: Nun, auch hier gibt es natürlich verschiedene Wege. Wir können uns im Konsum zurücklehnen und dem Leben dort in all seiner
»kostbaren« Fülle frönen, das kleine Glück sozusagen zwischen den Regalen
suchen. Wir können aber auch an den vielen Entscheidungen und Wegen verzweifeln
und der Depression in die Auszeit folgen. Der philosophische Weg wäre
schließlich derjenige, die Widersprüche ins Leben einzuladen und das bewusste
Leben an ihnen zu üben.
Das klingt kompliziert.
Dr. Uhu: Eigentlich nicht, denn es ist vielmehr Übung als
Denken. In einem philosophischen Gespräch arbeiten wir an der eigenen Sprache.
Wir suchen nach dem Sinn, der sich hinter unseren Worten versteckt, prüfen
unsere Vorurteile und Meinungen, um letztendlich nur diejenigen zu behalten,
die uns tatsächlich weiterhelfen. Vieles hat sich in unserem Leben über die
Zeit hinweg einfach so in unserem Denken, Fühlen und Handeln eingeschliffen.
Das ist ein bisschen so wie mit dem Spinat. Bis wir eines Tages merken, dass wir
gar keinen Spinat mögen und es noch genügend andere Wege gibt unseren Körper
mit Eisen zu versorgen. Was der Spinat für den Körper ist, ist der Sinn vielleicht für die
Seele. Es geht darum ein Gespür für die eigenen Wahrheiten zu entwickeln. Das
macht uns frei von all denjenigen Menschen, die uns nur in ihrem
Glauben leben lassen wollen.
Also hat Philosophie ja doch etwas ganz Praktisches!
Dr. Uhu: Wir reden ja auch nicht von der Philosophie an
sich, sondern von Philosophischer Praxis und dazu muss ich weder Kant noch
Platon gelesen haben. Philosophische Praxis nährt sich aus dem Jahrtausend
alten Wissen, lebt aber genauso an der Schnittstelle der Gegenwart wie alle
anderen Menschen auch.
Der Philosoph sitz im selben Boot!
Dr. Uhu: Genau, und er steckt seinen Kopf absichtlich
in die Strömung, um unter der Oberfläche nach neuen Fragen und Impulsen zu suchen.
Tief und gleichzeitig weit zu sehen, das ist, meiner Meinung nach, die Kunst der gegenwärtigen
Kultur. Weitblick mit Tiefgang.
Das klingt spannend!
Dr. Uhu: Ist es auch. Und jeder von uns hat eine eigene
Geschichte dazu zu erzählen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
© Florian
Huber
In meiner Praxis in Bad Endorf arbeite ich mit folgenden Schwerpunkten:
- Orientierungshilfe in lebensgeschichtlichen Wendephasen
- Beratung unter philosophischen und (tiefen)psychologischen Gesichtspunkten
- Lebensstil- und Standpunktanalyse
- Erkundung von Identitätsthemen und Lebensgeschichten.
- Methoden: Arbeit im Gespräch (Dialog), mit Literatur und inneren Bildern (Tagtraumreisen); Phänomenologie der Sprache.
- Überwindung der Sprachlosigkeit
- Einzelarbeit und philosophische Gesprächsgruppen
Wenn Sie mehr über die Arbeit Philosophischer Praxis wissen wollen, schauen Sie doch mal in das
, das im Herbst 2010 im transcript Verlag erschienen ist.